Medizinische Forschung: (K)ein Laientheater

8. April 2013
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Unlautere Arbeitsmethoden oder zurückgehaltene Ergebnisse haben das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Forschung erschüttert. Beim Bemühen um Transparenz treffen sich immer häufiger Laien und Fachleute zum Austausch. Die Ergebnisse sind bemerkenswert.

Biotech-Labors in Niedersachsen, in denen Schüler in direkten Kontakt mit der Wissenschaft und mit Wissenschaftlern kommen und selber experimentieren, wird es entsprechend den Beschlüssen der Landesregierung in Zukunft nicht mehr geben. Ein zu positives Bild über die Möglichkeiten und Gefahren der Gentechnik und Lobbyismus bei der finanziellen Unterstützung des Projektes sollen die Gründe für die Schließung von “HannoverGen” sein.

Ist Dreinreden erlaubt?

Ist “Gute Wissenschaft” frei von jeglicher Beeinflussung von außen? Liegt etwas im Argen, wenn Wissenschaftsjournale wie Science oder Nature erst bei der amerikanischen Regierung anfragen, ob sie einen Bericht über synthetische pathogene Vogelgrippeviren abdrucken dürfen? Scheinbar immer öfter lesen wir über Wissenschaftsskandale mit Fälschung, manipulierten Studien oder auch nur fehlendem Verantwortungsbewusstsein von Forschern gegenüber den Folgen ihrer Arbeit.

Ob es allein in der Verantwortung von Wissenschaftlern – und Ärzten liegt, wie sie mit ihrer Forschung umgehen, ist heftig umstritten. Wenn es bei moralischen Fragen um die Zusammenarbeit von Medizinern oder Naturwissenschaftlern mit Politikern oder gar Ethikern geht, entsteht auch in DocCheck-Diskussionsforen schnell dicke Luft: “Es ist unglaublich, wie immer wieder Theoretiker ohne jeglichen Bezug zur medizinischen Wirklichkeit unsinnigen Senf ablassen”, schrieb vor einiger Zeit ein Arzt über die Stellungnahme eines klinischen Ethikers an der Charité.

Schwachstellen beleuchten

Damit sich aber auch medizinische Forschung nicht hinter dicken, gut abgesicherten Klinikmauern abspielt, gibt es immer öfter Versuche, auch Laien und Fachfremde bei Entscheidungen mit großer Tragweite einzubeziehen, nicht nur bei Bahnhofs-Neubauten. Schwachstellen im Betrieb entstehen fast automatisch bei fortschreitender Spezialisierung, beim Druck zur Veröffentlichung und zur praktischen Anwendung von Forschungsergebnissen. 22 junge Akademiker aus den Bereichen Lebens- und Sozialwissenschaften, Philosophie und Journalistik haben sich im letzten halben Jahr dreimal für einige Tage am Starnberger See getroffen, um zusammen mit Fachleuten “Gute Wissenschaft” zu untersuchen und zu diskutieren. Das Ergebnis ist in schriftlicher Form nachzulesen: Ein Memorandum, das auf etwa einhundert Seiten Fehler im Betrieb kritisiert und konkrete Verbesserungsvorschläge macht.

Das von der “Wissenschafts-Dialog”-Expertin Katharina Zöller entwickelte Format ist nicht der erste Versuch, Laien und Experten zusammenzubringen. Vor etwa einem Jahr erfuhren Vertreter der Deutschen Gesellschaften für Gentherapie und Stammzellforschung, wie informierte Laien und Patienten über das EU-Forschungsprojekt für neue Behandlungsmöglichkeiten bei Arthritis (GAMBA = Gene Activated Matrices for Bone and Cartilage Regeneration on Arthritis) dachten. Einer der wichtigsten Punkte des Laiengutachtens: Gentherapie und Stammzelltechnologie sollten weiter für die Medizin entwickelt werden. Gleichzeitig dürfe der Eifer bei der Therapie nicht zulasten der Prävention gehen.

Heiße Themen: Synthetische Biologie

Wie bereits bei GAMBA übernahm auch bei dem vom Bundesbildungs- und Forschungsministerium finanzierten “Tutzinger Diskurs” der Leiter des Münchner Genzentrums, Patrick Cramer, die Schirmherrschaft. Erfahrene Wissenschaftsjournalisten wie der Kölner Volker Stollorz oder Petra Thorbrietz aus München sowie der Medizinethiker Arne Manzeschke begleiteten die Treffen in der Akademie für Politische Bildung. Für zwei Expertenhearings hatten sich die Teilnehmer selbst entsprechende Fachleute ausgewählt. So stellten Nachwuchsforscher und -journalisten beim ersten Workshop kritische Fragen an die Münchner Mikrobiologin Kirsten Jung zum Thema “Synthetische Biologie” sowie an Wolf-Michael Catenhusen, ehemaliger Staatssekretär und Mitglied des Deutschen Ethikrats. “Darf der Mensch Gott spielen?” Wenn er neue Lebewesen nach Plan zu seinem Nutzen kreiere, ohne die möglichen Konsequenzen absehen zu können, solle die Politik ein Sicherheitssystem installieren, meinte etwa Catenhusen.

Ähnlich wie bei der Registrierung gefährlicher Substanzen in der Chemie, sollten mögliche Gefahrenquellen frühzeitig bekannt gemacht werden. Dagegen sprach sich Jung gegen eine zu starke Einmischung der Politik in die Forschung aus. Man solle den Wissenschaftlern ruhig zutrauen, selbst Verantwortung für ihre Arbeit auch in ethischen Fragen zu übernehmen.

Heiße Themen: Gehirndoping

Einen anderen Blickwinkel auf die Forschung bot der zweite Workshop: Lässt sich unser Gehirn mit Wirkstoffen der Pharmaindustrie dopen, sodass es noch mehr Leistung bringt? Am Tisch saßen dieses Mal der Zürcher Psychiatrieprofessor Boris Quednow, Arnold Sauter, stellvertretender Leiter des deutschen Büros für Technologiefolgenabschätzung sowie der ZEIT-Redakteur Ulrich Schnabel. “Die Diskussion über ‘Gehirn-Enhancer’ sei eine ‘Phantom-Debatte'”, meint etwa Quednow. Die Experten waren sich weitgehend einig, dass das menschliche Gehirn nur wenig Spielräume bietet, seine Leistungsfähigkeit weiter zu steigern. Die Diskussion würde vor allem von den Medien immer wieder neu angefacht. Die entsprechenden Substanzen wie Methylphenidat oder Modafinil ließen sich auf diese Weise auch gut verkaufen, während ein Wundermittel ohne Nebenwirkungen nicht in Sicht sei.

“Vorläufiges Ergebnis” für nicht bestätigte Studien

Am 14. März stellten die Teilnehmer in einer großen Runde schließlich ihr Memorandum vor, in dem sie ihre Fragen, ihre Kritik und Verbesserungsvorschläge festgehalten hatten. Der enorme Publikationsdruck und der Konkurrenzkampf der Wissenschaft untereinander führe zuweilen dazu, dass Studien oft nicht mehr reproduziert werden und eine Einzeluntersuchung schon als Beweis gilt. Eine Alternative dazu wäre, ein Studienergebnis so lange auf einem “Vorläufigkeits-Status” zu halten, bis eine andere Forschergruppe die Ergebnisse bestätigt. Auch bei der Beurteilung eines “guten Wissenschaftlers” solle die Anzahl seiner Fachpublikationen nicht mehr als wichtigstes Kriterium für Forschungsanträge und Beförderungen gelten.

Karriereperspektiven für “Nur-Forscher”

Bei ethischen Entscheidungen über Forschungsprojekte dürfe die Politik die Wissenschaft nicht alleine über ihre Ziele bestimmen lassen. Umgekehrt sollten auch Wissenschaftler den Freibrief eines Ethikkomitees nicht zur Beruhigung ihrer eigenen Gewissenskonflikte benutzen. Ein besonderes Anliegen war den Autoren des Dokuments eine realistische Erwartung an die Forschung. Medien sollten keine Schreckensszenarien zukünftiger Bedrohungen entwerfen. Andererseits sollten auch Pressestellen privater und öffentlicher Forschungsinstitute nicht einzelne Forschungsergebnisse “hypen”, also in Bezug auf ihre mögliche Anwendung in der Praxis überbewerten. Ein Vorschlag der Diskurs-Teilnehmer war ein unabhängiger Presserat. Er könnte die Aussagen von Pressestellen kritisch beleuchten. Eng damit verbunden solle auch ein Medientraining von Wissenschaftlern sein, um ihre eigenen Projekte authentisch an die Öffentlichkeit zu bringen.

Schließlich müssten Wissenschaftler auch im akademischen Mittelbau ihr Auskommen finden. Damit wäre es ihnen möglich, sich weiter direkt der Forschung zu widmen, ohne dass sie als zukünftige Professoren und Lehrstuhlinhaber zu Wissensmanagern würden und vor allem organisatorische Aufgaben hätten.

Reformbedürftige “Gute wissenschaftliche Praxis”

Ist Ethik zwangsläufig ein Teil von “Guter Wissenschaft”? Diese Frage wurde in den Gruppen immer wieder diskutiert. Und “wie misst man eigentlich, ob jemand gute Wissenschaft betreibt”, fragte die Hausherrin der Akademie, Ursula Münch. Ulrich Braun von der Max-Planck-Gesellschaft bemerkte beim Abschlusssymposium, dass etwa die Regeln seiner Institution zu guter wissenschaftlicher Praxis mehr als zehn Jahre alt seien und einer Aktualisierung bedürften. Auch die anderen großen Organisationen wie etwa die DFG beschäftigen sich intensiv mit ihren Vorgaben für die Empfänger ihrer Forschungsgelder. Umso mehr, seitdem sich Berichte über Schummeleien, Schlampigkeit oder gar Betrug zunehmend häufen.

Im derzeitigen Wissenschaftsbetrieb “haben junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zentrale Schwachstellen aufgedeckt”, wie die Tutzinger Akademie in ihrer Einladung zum Abschlusssymposium schreibt, “Ihre Handlungsempfehlungen sollen gute Wissenschaft wieder möglich machen. Ihr Memorandum geht weit über das hinaus, was etablierte Wissenschaftsorganisationen bisher zu formulieren wagten.” Wer davon überzeugt ist, dass ein kritischer Blick von außen auch der medizinischen Forschung eher nützt als schadet, der sollte das Memorandum der jungen Leute vom Starnberger See lesen.

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Forschung, Medizin

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2 Kommentare:

Medizinjournalist

Sehr geehrter Herr Dr. Glaßl,
Ich denke, der “gefühlte” Abstand der Forschung, die (auch) von Naturwissenschaftlern betrieben wird, zur Klinik ist relativ. Beispiel: Ein großer Teil der Krebsforschung nutzt Tiermodelle wie die Maus. Ein Mediziner könnte nun sagen: “Was will ich mit Mäusen, wenn ich Menschen heilen soll?” Allerdings würde die Entwicklung ohne solche Modelle sehr viel langsamer vorangehen. Ja, solche Forschung, die nicht direkt am Menschen stattfindet, mögen viele als “medizinfern” sehen, besonders dann wenn auch noch “Nicht-Mediziner” beteiligt sind. Ich denke, Mediziner und Naturwissenschaftler sollten Hand in Hand arbeiten, besonders an Forschungsabteilungen großer Kliniken.
Diese Zusammenarbeit würde meines Erachtens der Forschung nur nützen. Ich berichte aus eigener Erfahrung, denn ich habe neben sechs Jahren Arbeit an reinen Forschungsinstitutionen auch neun Jahre als Biologe in Forschungslaboren gearbeitet, die an große Kliniken angeschlossen waren. Mediziner waren immer auf dem Sprung zwischen ihren Diensten, Experimente mussten “nebenbei” laufen und wurden nicht selten durch den Piepser unterbrochen. Naturwissenschaftler ohne Patientenverpflichtungen konnten sich ganz auf die Forschung konzentrieren. Dabei mochte ich die Zusammenarbeit mit dem Arzt nicht missen. Denn er half mir immer, die Beziehung zur (möglichen) Anwendung meiner Forschung in der Klinik herzustellen.

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Dr. med. Oliver Glaßl
Dr. med. Oliver Glaßl

Mir scheint, ein großer Teil der naturwissenschaftlichen Forschung wird an medizinischen Einrichtungen betrieben, allerdings von Naturwissenschaftlern und ziemlich medizinfern. Diesen Eindruck habe ich gewonnen beim Vergleich der Publikationsmenge von anspruchsvoller Pharmakologie zu reiner Grundlagenforschung. Man möge mir widersprechen, falls das nur mein Eindruck sein sollte.
Einen Lösungsansatz würde ich darin sehen, dass vermehrt Kliniker auf eine klinische Teilzeitarbeit gehen sollten, um verstärkt ein Auge auf die Naturwissenschaftler werfen zu können

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